Pressetext für "Papierkunst 7" Neuer Kunstverein, Aschaffenburg 2011

Ins Innere und wieder zurück: Ein Reiseführer

Um auf die Reise in das Innere und zurück zu gehen, muss man zunächst innehalten, still sein, loslassen. Alles, was sich an Wissen, an Traditionen und alten Geschichten angesammelt hat, vergessen. Und tief unter die Oberfläche tauchen – dorthin, wo man mutig und offen den Bildern im Kopf begegnen kann. Der Augenblick selbst übernimmt die Regie, in dem der Künstler dem Prozess des Sehens und Fühlens ausgeliefert ist.

„Kann man lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit sind?”, ist die Frage, die sich Frank Rothfuß stellt, wenn er sich auf die unwägbare Reise begibt. Das künstlerische Handwerk ist es dann, was Bilder, Skulpturen und Rauminstallationen aus abstrakten Vorgängen und Begrifflichkeiten zu einer Antwort auf diese Frage formuliert. Das Ergebnis ist eine symbolische Bilderwelt, die mit Perspektiven, Wahrheiten, Bewusstsein und Raum spielt.

Je nach dem Auge des Betrachters ergibt sich ein augenzwinkernder Skeptizismus gegenüber den erlernten Mustern bis hin zur grundlegenden, völligen Auflösung von Sehgewohnheiten und Denkstrukturen. Für „Papierkunst 7” entstanden Werke aus Materialien, die vor Ort im Neuen Kunstverein zu finden sind. Kunsthefte, Kopierpapier und Hygiene Papierrollen. Die Materialien werden bearbeitet und spielerisch arrangiert zu einem „Bewusstseinsraum im Kunstraum”. Zentrum und Herzstück der Installation bildet die Couch – sie lädt dazu ein, sich mental (eine Herausforderung besteht darin, dies nur mental und nicht körperlich zu tun) niederzulassen und sich mit auf die Reise zu begeben, die alles hinterfragt. Zwar müssen wir als Betrachter anschließend zurück ins „Jetzt” mit seinen oberflächlich verankerten und unbefreiten Zwängen – aber vielleicht hat uns dieser kurze Augenblick des Perspektivwechsels verändert. Es steht uns frei, ein Stück Sehnsucht nach Wahrheit mitzunehmen.

Text: Iris Wrede


Einleitung für Ausstellungskatalog ANGSTMUT – Projekte von 2009 bis 2010 - 120 Seiten

AngstMut

Freier Blick auf die Seele

von Iris Wrede

 

Das große Fragezeichen vor Augen, die Panik im Kopf: Auf dem Grund des kreativen Entstehungsprozesses lauert wie ein Tier die Angst. Man kann sie festhalten – in dem Moment zwischen Scheitern und Gelingen.

Vielleicht kann man mit genügend Mut die Grenze überschreiten. Dann und nur dann ist da doch das Gefühl, vielleicht etwas geschaffen zu haben. Ein Bild, das im Herzen berührt. Nicht primär die Herzen der Betrachter. Zuerst kommt das Herz des Künstlers. Dann springt die Flamme vielleicht über und überwindet die Distanz. Nicht, dass die Bilder dazu leicht zu deuten sein müssen. Manche sind für Frank Rothfuss nur Mittel zum Zweck auf dem Weg hin zu einer immer klareren Sprache, die Vordergründiges immer mehr auf das Wesentliche reduziert.

Freier Blick auf die Seele. Auch das verlangt Mut. Die eigenen Abgründe und Sehnsüchte zu formulieren. Was ist das Credo dabei, wo führt das alles hin? In immer neue Metamorphosen vielleicht. Es wäre dabei so einfach, bei einem Konzept stehen zu bleiben, das „funktioniert“. Eine Serie beizubehalten und den gefräßigen Markt zu befriedigen. Warum nicht der Nachfrage folgen, die nach Werken schreit, um sie als Design in die gediegene Lebensumgebung zu integrieren. Das hieße: stehen bleiben. Und nicht – wie Frank Rothfuss es konsequent tut – die Welt in Phasen des intensiven Arbeitens jedes Mal neu zu erschaffen. Als ein kreativer Forscher, der mit Wahrnehmungen spielt um den Dingen auf den Grund zu gehen.

Als professioneller Lithograf hat Frank Rothfuss die Technik verinnerlicht, Bilderwelten entstehen zu lassen. Mit Farbwerten perfekt, mathematisch umzugehen. Und doch kehrt er immer wieder zu ganz traditionellen künstlerischen Techniken zurück, die er souverän und gezielt mit dem jahrelang erworbenen und geübten Wissen verbindet. Ein fragiles Konglomerat aus Sein und Schein, das mit Licht und Dunkel, Farbe und Dimension ebenso spielen will wie mit dem Auge des Betrachters, der gleichzeitig Akteur, Voyeur und Objekt der Begierde zu sein scheint. Wir werden Zeugen von Szenen, deren Geschichten im Kopf entstehen und uns so mit unserem automatisierten Wahrnehmungsmustern konfrontieren. Das Publikum übernimmt die Hauptrolle, kann dabei selbst zum Thema werden, gebannt von einem Bühnenstück, das wir selbst nie sehen werden: Aufgelöst in Licht- und Dunkelwerte zerfließt die Menge vom Individuum befreit zum Menschen-Muster.

In dieser Kunst-Welt gibt es keine Regeln, keine Sicherheit, keine Grenzen zwischen den Dimensionen. Hier entstehen Universen, explodieren Köpfe, bewegen sich unheimliche Wesen im Raum: Hier ist Platz gleichzeitig für abgründige, gefährliche Schwere wie Leichtigkeit. Ein Angriff auf das konventionelle Sehen, ein Angriff auf konventionelle Weltbilder und Gesetzmäßigkeiten. Es könnte sein, dass uns die Radikalität der Statements aus der Bahn werfen will. Hintergründig und vielschichtig sind sie – sie laden zuweilen in ihrer Ausgewogenheit zum trügerischen Ausruhen ein. Oder sie finden Zugang zum Herzen durch ihren schonungslosen Humor, der immer wieder durchblitzen will. Das Festhalten von Stimmungen und ritualisierten Situationen ist Teil einer künstlerischen Sammelleidenschaft, die auch vor der Kunst selbst nicht haltmachen will. „100 Meisterwerke“ werden genauestens studiert, bevor sie respektlos zerknüllt für die Ewigkeit in Gläsern konserviert ihren Platz im Regal einnehmen.

Frank Rothfuss stellt den Betrachter auf die Probe. Wie weit will ich mich auf das Spiel einlassen – wie viel beim Zuschauen von mir selbst preisgeben? Und dann gibt es noch diese ganz offenen, scheinbar untückischen Werke. Die, in denen die Seele sich auflösen darf. Auch sie sind Blendwerk. Denn wo würde man einer zerknitterten Papiertischdecke abnehmen, dass sie das Weltmeer sein KANN. Eine Täuschung, aber trotzdem wahr – denn auf dem Bild IST sie das Weltmeer. Unsere Imagination reicht aus, die Weite und Erhabenheit des Horizonts wahrzunehmen. Unendlichkeit, so perfekt, dass die Realität nicht mitzuhalten vermag. Was im Umkehrschluss ganz einfach bedeutet, dass auch wir alles wahrnehmen, alles sein können. Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass alles wandelbar ist. Orientierung wird zur fast unlösbaren Aufgabe.

Mut – in Form von Hoffnung – und Angst begleiten die zivilisierte Gesellschaft. Nie wurden Regeln und Grenzen so schnell aufgehoben, nie waren die Möglichkeiten so groß – wenn man die Privilegien hat, sie zu nutzen – was unmittelbar an die individuellen Voraussetzungen gekoppelt ist. Der eigene Platz im Universum, kann man den trotzdem finden? Und: Wie fühlt sich das an? Das Individuum steht im Zentrum der sich drehenden Bilderwelt. Und das ist vielleicht die Botschaft dieser Bilder: Die individuelle Freiheit des Betrachters. Er bleibt im Fokus. Als Voyeur ebenso wie als Objekt. Seine letztendliche Positionierung bleibt ihm überlassen. Er ist frei, sich zu entfalten.